Tête à tête avec...
Jean-François Bernardini
Corse-Matin
23.01.2005

"Sich befreien aus einem Korsika, das Angst vor sich selber hat."

Der Leader von I Muvrini in einer engagierten Darstellung zum Projekt einer Korsika-Stiftung, das mehr und mehr Interesse hervorruft. "Wenn man bei sich selbst etwas verändert, kann man die ganze Welt verändern", so lautet seine Devise - für ein Vorhaben, das von Glauben und Vertrauen in die Zukunft getragen ist.
Es sind bisher mehr als 1.800 Mitglieder; sie kommen aus Korsika, vom französischen Festland, aber auch aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, aus den Übersee-Gebieten, Italien und Spanien; weiterhin haben sich angeschlossen: 31 Vereine, 20 korsische Gemeinden aus überwiegend ländlichen Regionen, 15 Unternehmen, der Rat der Notare Korsikas, die Vereinigung der Rechnungsführer... sie alle haben ihre Mitgliedschaft erklärt und folgen auf Initiative von I Muvrini dem vielversprechenden Vorhaben, eine Korsika-Stiftung (AFC) ins Leben zu rufen.
"Wir haben uns damit keine leichte Aufgabe gestellt", räumt Jean-François Bernardini ein. Das Projekt nimmt konkrete Formen an: "Bei jedem Schritt, den wir unternehmen, müssen wir die Rechtmäßigkeit und Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen. Nur so können wir, innerhalb einer nicht festgesetzten bzw. bewilligten Frist, die Grenze erreichen und überschreiten, um den rechtlichen Status einer Stiftung zu erlangen, der uns u.a. erlauben wird, die Rechte an Hinterlassenschaften oder Schenkungen von Immobilien zu erwerben." Eine Stiftung wird definiert als eingebrachtes privates Vermögen, das Unternehmungen mit gemeinnützigen Zwecken dienen soll. Sie muss unabhängig sein und sich aus der Vielfalt der Zivilgesellschaft entwickeln. Sie ist auf lange Sicht angelegt und hat über Generationen Bestand. "Eine Stiftung handelt in Verantwortungsbewusstsein, nach ethischen Wertmaßstäben und im Sinne des Bürgers. Sie hat nicht die Aufgabe, in Notfällen einzugreifen oder die Funktion einer Sonderzahlstelle einzunehmen."
Das, was Jean-François Bernardini und sein Team sich vorgenommen haben, folgt höheren und weitreichenderen Ansprüchen. "In der Vertrauens- und Beziehungskrise, in der die korsische Gesellschaft steckt, bei all ihren sozialen, kulturellen und umweltbezogenen Problemen, die ja mit den weltweiten Problemen verflochten sind, kann eine Stiftung zwangsläufig nur eine kleine Möglichkeit angesichts dieser enormen Herausforderungen bieten. Eine kleine Chance, von der wir überzeugt sind, dass sie in jedem von uns steckt, mit der wir etwas bei uns selbst ändern können und damit gleichzeitig ein wenig die Welt, mit der wir uns täglich nur für das einsetzen können, was wir selbst an Wertvorstellungen vermitteln; eine kleine Chance, mit der wir, wenn wir es wollen, gemeinsam ein wenig Einfluss oder "Macht" ausüben können auf manche Dinge, auf die Zukunft - nicht auf die Menschen -, mit der wir an die Kraft einer verantwortungsbewussten Gesellschaft glauben und uns dadurch zum ersten und wichtigen Entschluß durchringen, es mit vereinten Kräften zu tun."
Das bisherige Kapital des AFC ist noch relativ gering, aber dahinter steht ein hohes Kapital von moralischem und menschlichem Einsatz - ein starkes Potential, das in Transparenz und in gegenseitigem Vertrauen aktiv wird. "Wenn wir uns aus einem Korsika befreien wollen, das Angst vor sich selber hat, aus einem Korsika, in dem jeder seine fixen Ideen, Affekte oder Ängste ausleben kann, wenn wir uns nicht mehr nur für die Ereignisse oder Krisen interessieren wollen, sondern für die Bedingungen, die dahin führen und uns in diesen Krisen festhalten, wenn wir nur einen Augenblick glauben wollen, dass die Probleme nicht ausschließlich uns bewegen, sondern im Grunde die Allgemeinheit, dass wir daher alles gewinnen können, wenn wir den Erfahrungsaustausch mit anderen Beteiligten aus der ganzen Welt suchen und pflegen, dann ist eine Stiftung weder eine Utopie noch "heiße Luft", sondern eine Hoffnung, die sich auf den Weg macht. Es ist genau diese Hoffnung, die uns jedesmal neue Nahrung gibt, wenn unser Projekt auf ein neues Echo stößt. Die 1 800 Menschen, die ihre Mitgliedschaft bis heute bereits erklärt haben, sind unsere schönste Glaubens- und Überzeugungsurkunde. Und was einen jeden von uns den Stiftungsgedanken verfolgen lässt, ist einzig und allein das Gewissen."
Für Jean-François Bernardini könnte das, was von manchen Ländern als Zurückbleiben bezeichnet wird, für das 21. Jahrhundert ein Vorsprung sein. Es geht nicht darum, etwas aufzuholen, sondern etwas rechtzeitig wahrzunehmen, zu erkennen. Wie auch immer man ausgeschlossen ist, man kommt nicht heraus, wenn man nur danach trachtet, etwas zu bekommen, sondern eher, wenn man etwas anbietet, wenn man kreativ wird. Und dabei kommt dann der Gedanke auf, dass es bessere Wege gibt, sich zu investieren als in Protestaktionen. Wenn wir dem moralischen Anspruch genügen und uns als vertrauenswürdig erweisen, eröffnet sich eine weitere Perspektive: Auf einer Insel mit mehr als 2000 verlassenen bzw. der Verwahrlosung anheimfallenden Anwesen könnte die Stiftung das legitime Auffangbecken für Schenkungen aus Immobilienbesitz werden, für den es in vielen Fällen keine sinnvollere Bestimmung gibt, als sie wieder für den Menschen und die Weiterentwicklung zur Verfügung zu stellen. Diese Möglichkeit ist von großer Tragweite und jeder Bürger kann im gegebenen Fall mit seinem Notar darüber sprechen."
Wie kann man, unter Berücksichtigung des persönlichen Werdegangs, davon überzeugen, dass die Korsika-Stiftung in keiner politischen Abhängigkeit stehen wird? "Ich habe mich niemals zu einem anderen Status bekannt als zu dem des freien Menschen mit dem Werdegang eines Künstlers und Zeitzeugen, der ausnahmslos auf friedlichem Wege und mit Worten auf der Suche nach Gemeinsamkeiten ist, auf der Suche nach Sinn, nach einem besseren Miteinander, im legitimen Bestreben nach Würde und Gleichberechtigung des Menschen.
Ich habe niemals die Rollen verwechselt, bis auf diese Zwangsvorstellung, dass auch in unserem Umfeld etwas Angemesseneres und Gerechteres möglich sein muss. Gerade weil unsere Gesellschaft uns durch ihr Scheitern täglich vor Augen führt, dass die Ursache für den Ruin der Menschen gerade die Ausweglosigkeit ist, die Unmöglichkeit, sich zu verwirklichen, durchzusetzen und voranzukommen.

Die Misere liegt nicht nur an einem Mangel an Geld, sondern an einem Mangel an Perspektiven, Horizonten und an Chancengleichheit. Die Misere liegt in all dem, was gerechtfertigt ist und sich dessenungeachtet kein Gehör verschaffen kann.

Und die Reaktion auf diese Misere liegt meiner Meinung nach einzig und allein im Verantwortungsbewusstsein.

Durch die Stoßkraft einer Stiftung wollen wir dabei mithelfen, diese Ansprüche aufzufangen und zu fördern, indem wir dazu die Waffen von Intelligenz, Talent, Enthusiasmus und Zivilcourage einsetzen und unsere Kräfte zum gemeinsamen Aufbau sammeln.

Ich möchte dabei mithelfen, das einzige Handwerk zu fördern, das man nicht aufgeben muss und in dem keine Betrügereien vorkommen, das Handwerk von Menschen und Bürgern, die Freiheit schaffen.

Im Namen aller, die mit mir daran glauben, ja, man könnte sagen, dass wir tatsächlich gemeinsam etwas suchen, aber darüber hinaus sind wir uns auch etwas genauer im Klaren über das, wovor wir ausweichen, uns drücken wollen, obwohl es die vordringliche Aufgabe der Zukunft ist. Und wäre es nur, weil wir nicht so ganz davon überzeugt sind, dass die Welt, in der wir leben, die Welt ist, die wir uns vorstellen. Und wäre es nur, weil wir davon überzeugt sind, dass eine Welt, die das Niveau der Menschen herabsetzt, eine gefährliche Gesellschaft ist.

Diese langen konzertfreien Monate waren für I Muvrini keine Monate der Ruhepause. "Wir sind mehr denn je ganz bei der Sache!" Ein neues Album ist in der Vorbereitung, doch dazu möchte Jean-François Bernardini sich erst zu gegebenem Zeitpunkt äußern. "Es erscheint mir nicht angebracht, bei dieser Gelegenheit einem anderen Thema Raum zu geben bzw. zu dienen als dem Projekt der Korsika-Stiftung und das in aller Ausschließlichkeit und so gut ich kann."
Das Feld des Verantwortungsbewusstseins ist bestellt.
Jean-Marc Raffaelli

Übersetzt von Walter Kühn, Vielen Dank!

Scan des Artikels aus der Corse-Matin vom 23.01.2005 (632kb)